Eigentlich ist es ja ganz einfach: Wer dopt, betrügt. Und zwar den Sport, die Mitstreiter und das Publikum, auch wenn letzteres eher belogen als betrogen wurde. So ist es denn auch wenig verwunderlich, wenn dieser Tage jeder nur all zu gern das Klagelied vom Vertrauensverlust anstimmt. Allerdings kommen dabei auch durchaus Dissonanzen auf – spätestens bei der Feststellung, dass zum Betrügen eben bisweilen immernoch zwei gehören.

Nein, allesamt nur unschuldige und bemitleidenswerte Opfer einer an einem gewissen Grad an Realitätsverlust leidenen Leistungsgesellschaft sind sie sicher nicht, unsere Zweiradhelden. Aber sich jetzt einfach nur enttäuscht abzuwenden und auf die eigene totale Ahnungslosigkeit zu verweisen ist sicher ebensowenig ein ehrlicher Umgang mit den Geschehnissen. Denn das Problem ist zum einen deutlich vielschichtiger und zum anderen eben auch durchaus hausgemacht.

Wer es wissen wollte, hätte es sicher gekonnt – wenn es auch an Beweisen gemangelt hätte. Aber wir haben uns schon zu sehr daran gewöhnt, dass im Sport die Zeiten jedes Jahr schneller werden – schließlich gilt es ja immer Rekorde zu brechen, um die Erwartungen zu erfüllen. Und wer glaubt denn wirklich, dass diese Leistungssteigerung, gerade im Radsport, wo der Spielraum für technischen Fortschritt im Gegensatz zum Motorsport doch eher bescheiden ausfällt, allein auf technischen Kniffen und neuesten, ausgeklügelsten Trainingsmethoden beruht?

Vermutlich wollten wir es auch nicht wissen. Wir wollen, dass dieses Häuflein verrückter während der Tour de France stellvertretend für uns alle schier übermenschliches leistet, die Zähne zusammenbeisst und uns zeigt, dass man die eigenen Grenzen mit dem richtigen Training und der entsprechenden Willenskraft ständig in Frage stellen und bisweilen auch überwinden kann. Wir wollen Vorbilder – und manchmal ohne Rücksicht auf Verluste. Denn seien wir ehrlich: Für die Schinderei und Überwindung spielt es keine Rolle, ob jemand dabei Rekorde aufstellt. Und doch müssen sich eben diese Leute nach einer unglaublichen Anstrengung, egal ob mit oder ohne Doping, direkt nach der Zieldurchfahrt die Frage gefallen lassen, warum es denn jetzt nur für den zweiten Platz gereicht hat. Oder anders gesagt: Schön, dass Du dein Bestes gegeben hast – aber das reicht nunmal nicht.

Da das Feld ja meist relativ dicht beisammen blieb, stellt sich natürlich nun zu Recht die Frage, ob im Profi-Radsport überhaupt jemand nicht mitgemacht hat. Am Ende könnten also die wahren Helden der Tour die gewesen sein, die jeweils auf den ersten Bergetappen nicht mehr folgen konnten. Aber das wäre wohl ebenfalls eine zu pauschale Betrachtung, denn auch Doping kann die Grenzen der Leistungsfähigkeit bestenfalls verschieben, aber nie verschwinden lassen. Und so möchte zumindest ich auch weiterhin glauben, dass es auch saubere Fahrer gegeben hat und noch gibt.

Natürlich hat mein Verhältnis zu Leistungsfähigkeit und Geschwindigkeit der Athleten gelitten. Aber für mich bleibt die beeindruckenste Leistung während einer solchen Rundfahrt nach wie vor über die gesamte Distanz immer wieder den inneren Schweinehund zu überwinden. Und für den hat man vermutlich, oder sagen wir hoffentlich, noch kein wirksames Doping entwickelt.