Nein, wirklich nicht: Es gab eine Zeit, da hatte ich mein Ohr wohl doch deutlich dichter am Puls der Zeit. Aber irgendwie war die Welt da auch, zumindest aus meiner Sicht, um einiges überschaubarer. Die Zeiten, in denen ich noch musikalische Geheimtipps ausgraben konnte, sind wohl weitestgehend vorüber. Das soll mich aber nicht davon abhalten, an dieser Stelle zwei meiner jüngeren Neuerwerbungen einmal näher vorzustellen.
Chevelle – Vena Sera
Vom Geheimtipp sind Chevelle sicherlich seit langem so weit entfernt wie ich von meinem Idealgewicht – andererseits gehört beides in Deutschland nicht unbedingt zur Allgemeinbildung. Mit Vena Sera haben Chevelle dieses Jahr nun schon ihren, wenn ich richtig rechne bzw. meine Sammlung im Geiste durchgehe, vierten Langspieler auf den Markt geworfen. Und eines kann man ihnen dabei nun wirklich nicht vorwerfen: nämlich dass sie auch nur ein bisschen von ihrer Power eingebüßt hätten.
Während sich die Weiterentwicklung anderer Bands vielfach durch einen über die Jahre doch recht konsequenten und mehr oder minder prägnanten Stilwechsel auszeichnet, bleiben Chevelle weitestgehend ihrem ursprünglichen Konzept treu und scheinen eigentlich “nur” ihr Songwriting und ihre Technik bzw. Produktion zu verfeinern. So knüpft Vena Sera denn auch wirklich nahtlos an den Vorgänger This Type Of Thinking Could Do Us In an.
Schon der Opener Antisaint gibt einem deutlich zu verstehen, dass die Jungs immernoch Geschmack an dem haben, was die vorherigen Alben ausgezeichnet hat: Der komplexe und zugleich absolut treibende Beat, bei dem sich ein Einfluss von Tool sicher nicht von der Hand weisen lässt, zieht sich konsequent durch die meisten Nummern des Albums. Und es ist ja nun wirklich auch ein Vorbild, dem man gerne nacheifert, was sich immer wieder in einigen großartigen Zwischenspielen wie eben auch im Opener oder aber der ersten Single Well Enough Alone zeigt. Das Album macht definitiv eine Menge Spaß und entwickelt spätestens nach dem zweiten Hören bereits sein volles Suchtpotential. Wer die Vorgänger, und dabei insbesondere das letzte Album mochte, kann hier jedenfalls so gefahrlos wie selten einen Blindkauf wagen.
Sind wir nicht alle ein bisschen Emo?
Über den neuen Look der Gebrüder Loeffler kann man sich auf jeden Fall streiten. Etwas befremdlich wirkt es ja schon, auch wenn man positiv festhalten kann, dass Bassist Dean diesmal sowohl auf die Wasserstoff-Blondierung als auch den schon fast zum Markenzeichen gewordenen nackten Oberkörper verzichtet hat. Sollte die Irritation zu groß werden: einfach die Augen schließen und einer sehr gelungenen Nummer lauschen. Und wer so bei 2:20 richtig hinhört, kann den Tool-Einfluss beinahe schon greifen.
Flyleaf
Das Album stammt zwar schon aus dem letzten Jahr, nichts desto trotz bin ich erst vor einigen Wochen darüber gestolpert. Mit dem Rock-Business ist es schon so eine Sache: Irgendwie wird zumindest der Zweig, in dem es etwas härter zur Sache geht, vorwiegend von Männern dominiert. Den vollen Klangumfang weiblicher Stimmen bekommt man jedenfalls eher selten zu hören. Bei Flyleaf ist das anders – und das ist gut so, denn die machen von der ganzen musikalischen Palette ihrer Frontfrau Gebrauch.
I’m So Sick
Auch bei Flyleaf sind viele verschiedene Einflüsse und Stilvariationen zu erkennen. So bietet das Album denn auch reichlich Abwechslung und hat zum Glück, zumindest nach meinem Empfinden, kaum Hänger. Die Reise geht von kraftvollen Nummern wie dem Opener I’m So Sick über das schon eher Mainstream-kompatible Perfect und das vielschichtige Sorrow bis hin zu den beiden reinrassigen Balladen There For You und So I Thought. Dabei erinnern mich persönlich die Schrei-Passagen ein wenig an eine Mischung aus Deftones und Dead Poetic – letzere allerdings eher aus ihren ungestümen Zeiten.
Wer also mal etwas Abwechslung zu den üblichen Männervereinen sucht und Alben mit Bandbreiten, wie sie z.B. schon von Trapt öfter geboten wurden, zu schätzen weiß, wird mit Flyleaf sicherlich nichts verkehrt machen. Eine Bereicherung für jedes Alternative-Sortiment ist das Debut jedenfalls allemal.