Dass irgendwann der Zeipunkt kommen würde, an dem meine Reflexe nicht mehr mit dem Niveau moderner Videospiele mithalten könnten, war absehbar. Nicht umsonst hat sich meine Vorliebe bei Rennspielen inzwischen weg von der Formel 1 hin zu Touren- und Sportwagen entwickelt, wo Beschleunigung und Verzögerung deutlich überschaubarer sind. Allerdings habe ich nicht damit gerechnet, dass ich mit GTA IV anscheinend auch in Sachen Zeitgeist langsam ins Hintertreffen geraten könnte.
Generation Ringtone
Renomierte Blätter wie die New York Times hatten der GTA-Serie bzw. deren Machern von Rockstar unlängst neben der profanen Gewaltdarstellung der Titel einen feinen Sinn für Gesellschaftssatire attestiert. So ist es wohl auch kaum verwunderlich, dass ich bei Vice City und San Andreas noch viele Klischees wiederfinden konnte, mit denen ich aufgewachsen war. Und GTA wäre nicht GTA, wenn sich solche Aha-Erlebnisse nicht auch reichlich im jüngsten Teil der Serie finden ließen.
Schon bei den ersten Schritten in Liberty City fällt auf, dass eigentlich jeder der NPCs, egal aus welcher Gesellschaftsschicht, ständig mit dem Handy telefoniert. So scheint es denn auch nur logisch, dass sich ein erheblicher Teil der Spieloptionen (Kontakte, Missionen, Multiplayer) über das Mobiltelefon der Hauptfigur aktivieren lassen. Ebenso konsequent hat man selbst im Gegensatz zu den Vorgängern kaum einmal etwas Zeit für eigene Erkundungstouren oder sonstige Verschnaufpausen, weil nach kurzer Zeit immer irgendwann das Handy klingelt. Außerdem wimmelt es im Radio und Internet nur so vor Werbung für Klingeltöne.
Der eigentlich Kulturschock ereilte mich allerdings erst, als ich mich zu fragen begann, wo auf dem HUD eigentlich die Uhrzeit angezeigt wird. Obwohl man häufig genug bei kurzfristig vereinbarten Verabredungen innerhalb einer Stunde von A nach B hetzen muss, konnte die Uhrzeit zunächst nur im Pause-Menü entdecken. Bis mir langsam klar wurde, dass ich offensichtlich langsam wirklich zu alt bin bzw. mir dank meiner weitgehenden Mobiltelefon-Abstinenz einige grundlegende Reflexe der immer erreichbaren Gesellschaft abhanden gekommen sein mussten: Die Uhrzeit steht natürlich im Display des Telefons.
Eigentlich hätte ich es wissen müssen. Unterstelle ich doch selbst gerne manchmal scherzhaft, dass einige Mitbürger ihr eigenes Geburtsdatum auch nur noch dann fehlerfrei aufsagen können, wenn sie ihr Handy dabei haben. Abgesehen von der bisweilen durch die ständigen Anrufe bisweilen etwas hektischen Pflege der eigenen Kontakte, bei denen man dann durchaus auch mal entscheiden muss, wen man jetzt vor den Kopf stößt und wie man es später ausbügelt, kann GTA IV aber durchaus auch mit einigen interessanten Neuerungen aufwarten.
Das Warten hat sich gelohnt
Wer ein grafisches Feuerwerk erwartet hat, der wird vermutlich eher ein wenig enttäuscht sein. Die Grafik ist absolut auf dem aktuellen Niveau, allerdings kann die Engine nicht zuletzt aufgrund der wieder einmal riesigen Spielwelt, bei deren Übergang auf der PS3 übrigens kein Zwischenladen anfällt, nicht gerade mit Wow-Effekten aufwarten. Das ist aber aufgrund der nochmals dichteren Atmosphäre nicht notwendig.
Die NPCs reagieren deutlich differenzierter. So fällt die Empörung, wenn wir wiedermal einen herrenlosen fahrbaren Untersatz am Straßenrand an uns nehmen, diesmal übrigens inkl. Zertrümmerung der Seitenscheibe und Kurzschließen, je nach Stadtteil entsprechend unterschiedlich aus. Die Polizei scheint für meinen Geschmack deutlich aggressiver vorzugehen, wenn der Fahndungslevel 3 und mehr erreicht. Wenn ich mich nicht völlig getäuscht habe, haben dort sogar Polizisten, die eigentlich zu Fuß unterwegs waren, ebenfalls Zivilfahrzeuge kurzgeschlossen, um die Verfolgung aufzunehmen. Auch das Schadensmodell, bei dem vor allem bei Schußwechseln die Autos wirklich sehr detailliert in ihre Einzelteile zerlegt werden oder aber fleißig Kugellöcher sammeln. Neu in dieser Hinsicht auch, dass man sehr wohl verletzt werden kann, solange man sich noch in einem Fahrzeug befindet – mir war dies bisher nur von Vice City/San Andreas bei den Motorrädern bekannt.
Etwas vermissen tue ich bisher die unzähligen Minispiele, die vor allem bei San Andreas eine kaum enden wollenden Spieltiefe vermittelt haben. Gerade die Tatsache, dass man jetzt zwar sehr wohl als Passagier aber nicht mehr als Fahrer Taxifahren kann, finde ich schon etwas enttäuschend. War dies doch für mich seit GTA III die bevorzugte Möglichkeit, mich neuen Stadtteilen vertraut zu machen und gleichzeitig ein wenig Geld zu verdienen. Insgesamt aber ein absolut würdiger Nachfolger mit gewohnt hohem Spaß- bzw. Suchtfaktor. Nach einer entsprechenden Eingewöhnungsphase kann ich mich auch langsam mit der Steuerung anfreunden – als klassischer PC-Spieler mit den Thumbstickst der PS3 keine leichte Aufgabe. Wer weiß, am Ende gönne ich mir eventuell auch noch die PC-Version – wann auch immer diese erscheinen mag.
P.S.: Es geschehen noch Zeichen und Wunder:
Beim Rumzappen eben bin ich doch tatsächlich über ein absolut ausgewogenes Review von GTA VI unter Federführung des ZDF gestoßen, welches eben auch zu dem Ergebnis kam, dass die 18er-Einstufung zwar notwendig, das Spiel aber eben deutlich mehr als bloße Gewaltverherrlichung ist. Überraschend, wenn man bedenkt, dass bei den vergangen Hetzjagden auf den bösen Einfluß der Videospiele vor allem durch die öffentlich rechtlichen auch die GTA-Serie, natürlich nicht ganz grundlos, heftig unter Beschuß geraten war.
